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KAIN & ABEL I: Alessandro Scarlattis Oratorium "Il primo omicidio"

In unserem nächsten Konzert am Sonntag, 6. Mai im Münchner Künstlerhaus geht es um die biblische Kain und Abel-Geschichte, also um den ersten Mord der Menschheit und wie das Böse in die Welt kam. Musikalisches Ausgangsmaterial für diesen Abend ist Alessandro Scarlattis Oratorium Il primo omicidio. Das sind böhmische Dörfer für euch? Dann sei euch dieser Beitrag empfohlen, in dem wir ein paar Hintergrundinformationen zusammengestellt haben: 

„Hier ruht der Ritter Alexander Scarlattus, ausgezeichnet durch Selbstbeherrschung, Freigebigkeit und Güte, größter Erneuerer der Musik“. So steht es auf Alessandro Scarlattis Grabstein – ein Satz, den sein Gönner Kardinal Pietro Ottoboni zu Ehren des Komponisten für die Nachwelt in Stein meißeln ließ. Denn der 1715 von Papst Clemens XI. zum Ritter geschlagene Scarlatti war nicht nur enorm produktiv – rund 115 Opern, 200 Messen und 800 Kantaten soll er nach eigenen Angaben komponiert haben –, sondern auch durchaus innovativ:

Scarlatti führte die Da-capo-Arie und das von Streichern begleitete Accompagnato- Rezitativ ein; er gestaltete eine neue Form der Ouvertüre und kreierte so den Vorläufer der klassischen Symphonie; und mit seinen vierstimmigen Sonaten schuf er eine Vorform des Streichquartetts. Wenn auch der Superlativ „Musices instaurator maximus“ vielleicht doch eine kleine freundschaftliche Übertreibung war, so ist es durchaus gerechtfertigt, Scarlatti als eindrucksvollen, kreativen Neuerer der Musik und als Meister der kunstvollen Arienführung zu betiteln. Warum seine Werke aber heutzutage selten gespielt werden und auch nur wenige Einspielungen vorliegen? Diese Frage dürfte nach dem Erleben seines Barock-Oratoriums Il primo omicidiomit noch größerem Fragezeichen nachhallen!


Il primo omicidio, in dem der erste Mord der Menschheit verhandelt wird, wurde am 7. Januar 1707 fertiggestellt – dieses Datum steht zumindest am Ende der autographen Partitur –, veröffentlicht wurde das Oratorium allerdings erst 1968 von Lino Bianchi. Erstaunlicherweise ist es in Venedig entstanden. Venedig galt zu dieser Zeit als Hauptstadt der Oper, Hauptstadt des Oratoriums war Rom, wo Scarlatti auch die Mehrzahl seiner 38 Oratorien, geistlichen Kantaten und Passionen geschrieben hatte (21 davon sind erhalten). Vermutlich auf Einladung der Patrizierfamilie Grimani hielt sich Scarlatti von September 1706 bis Anfang April 1707 in Venedig auf, da die einflussreiche Adelsfamilie in ihrem berühmten Theater San Giovanni Grisostomo (heute: Teatro Malibran) zwei seiner Opern aufführen ließ. Wir wissen zwar nicht, ob die Grimanis auch jenes Kain und Abel-Oratorium in Auftrag gaben, jedenfalls entstand es während dieses Aufenthalts. Auch unbekannt war lange Zeit der Textdichter. Sowohl auf dem Titelblatt der Partitur als auch des gedruckten Librettos ist keine Angabe hierzu zu finden. Inzwischen gilt Graf Antonio Ottoboni, der Vater von Scarlattis Gönner Kardinal Pietro Ottoboni, als Librettist – ein Adliger also, für den es sich nicht ziemte, künstlerisch tätig zu sein. So lässt sich vermutlich die fehlende Angabe des Textautors erklären, es hatte wohl diplomatische Gründe. 

Der Inhalt des Werks, die tragische Geschichte rund um Kains Brudermord und dessen Bedeutung für die Heilsgeschichte, war für Oratorien typisch. Ein Oratorienkomponist war vergleichbar mit einem Prediger, der den Gläubigen an diesem Thema die Folgen der Sünde und den Lohn der Unschuld verdeutlicht. Dementsprechend sind die Themen des Oratoriums auch dem geistlich-katholischen Kanon wie etwa der Bibel und den Heiligenlegenden entnommen. Ähnlich der Oper werden auch hier Sänger eingesetzt, um vor einem Publikum mit den musikalischen Mitteln des Opernstils – Arie und Rezitativ – hochdramatische Geschichten zu erzählen. Doch die Oper bedient sich eher dem klassischen und nicht-christlichen Themen- und Geschichtenkreis.

Darauf basiert wohl der landläufige Ausspruch, dass die Erfinder der Oper unsterblich wurden, der Erfinder des Oratoriums jedoch die Heiligsprechung erfahren hatte. Es gab also, wie schon angedeutet, viele Überschneidungen zwischen Oper und Oratorium. Die Unterschiede dieser beiden Gattungen lagen vor allem an der Art und am Ort der Aufführung. Ein Oratorium wurde nie szenisch aufgeführt, fand meist im privaten Rahmen oder in Kirchenräumen statt, oft während der Fastenzeit oder an hohen Feiertagen und häufig verbunden mit Gottesdiensten. Die Zuhörer des Oratoriums konnten die schönen Stimmen der Kastraten – später der Frauen – genießen und, im Unterschied zum Opernpublikum, gleichzeitig etwas für ihr Seelenheil tun.

Nun kam Scarlatti, der diese Trennung zwischen Oper und Oratorium noch ein kleines Stück weiter aufweichte, u.a. waren Oratorien meist auf Lateinisch, Il primo omicidio hingegen auf Italienisch, in der Opernsprache. Scarlatti vertonte mehr italienische Oratorientexte, einige davon mit hochdramatischer Handlung. Ein Erzähler oder Evangelist wurde hier nicht verwendet. Viele Vertonungen – darunter Il primo omicidio– hatten auch keinen Chöre, sondern das gesamte Drama wurde allein durch die Dialoge und Arien der handelnden Personen dargestellt. Eine immense Aufgabe für Textdichter und Komponist, vor allem wenn man bedenkt, dass es keine Bühnenaktion gab.

Scarlattis Oratorien können also als getarnte Opern verstanden werden – er selbst nannte sein Kain und Abel-Oratorium „trattenimento sacro“, was übersetzt so viel wie heilige Unterhaltung bzw. Freizeitaktivität bedeutet. Was man in diesem Zusammenhang wissen muss: In Rom, dem Entstehungsort von Il primo omicidio, waren durch päpstlichen Erlass von 1698 bis 1710 Theater- und Opernaufführungen jeglicher Art verboten.

Und was haben nun Sibylle Canonica, das Opernstudio der Bayerischen Staatsoper und zeitgenössische Texte mit diesem Barock-Oratorium zu tun? Das erfahrt ihr bald ... 

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