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Flimmerkammer #4: DAS ALTE GESETZ ganz neu


Das OJM bei der Berliner Uraufführung vom "neuen" alten Gesetz. (Foto: Ulf Büschleb)

Und schon sind wir am Ende der regulären  Flimmerkammer-Reihe (im Juli gibt es noch eine Flimmerkammer spezial) angekommen und natürlich gehen wir mit einem Highlight in die letzte Runde: Mit Das alte Gesetz von 1923 erweckt das OJM eine der wichtigsten deutsch-jüdischen Filmproduktionen der Weimarer Republik zum Leben – in der neuen digital restaurierten Fassung der Deutschen Kinemathek sowie mit einer Neukomposition des Franzosen Philippe Schoeller im Auftrag von ARTE/ZDF. Die Uraufführung fand am 16. Februar im Berliner Friedrichstadt-Palast im Rahmen der Berlinale statt, im Zuge einer Osteuropa-Tournee gab es im März Aufführungen in Vilnius und Warschau, Budapest folgt am 22. April. Am kommenden Donnerstag, den 12. April könnt ihr diese cineastisch-musikalische Besonderheit nun endlich auch in Münchenerleben, wie gewohnt in der Kammer 1 in den Münchner Kammerspielen.

 Geht das, Schauspieler und Schläfenlocken? Diese und ähnliche Fragen stellt sich wohl der Protagonist Baruch in dieser Szene. (Foto: Ulf Büschleb)


Die Themen in Das alte Gesetz sind uralt, doch an keine Zeit gebunden. Es geht um den Konflikt zwischen den Alten und den Jungen, auch um Assimilation und deren Grenzen, um den Spagat zwischen Integration und der Bewahrung der eigenen kulturellen Identität – und das auf Jüdisch:

Mitte des 19. Jahrhunderts in einem galizischen Schtetl, wo nach dem „Alten Gesetz“, den streng ausgelegten Vorschriften der Thora, gelebt wird. Baruch könnte glücklich sein und Esther heiraten. Sein Traum aber ist es, Schauspieler zu werden und im fernen Wien sein Glück zu versuchen – was jedoch unvereinbar mit den religiösen Prinzipien des Vaters ist. Der Rabbi verstößt den Sohn, Baruch schließt sich einem Wandertheater an. Die österreichische Erzherzogin Elisabeth Theresia findet Gefallen an Baruch und verschafft ihm ein Engagement am Wiener Burgtheater. Die Liebe zwischen der Christin und dem Juden hat zwar keine Zukunft, aber Baruch steigt zum umjubelten Bühnenstar auf.

Am 28. März 2018 war das OJM mit dem Stummfilm Das alte Gesetz in der Philharmonie Vilnius zu Gast ... (Foto: OJM)

Während der Regisseur  Ewald André Dupont (1891-1956) am Alten Gesetz arbeitete, sammelten sich in Berlin Flüchtlinge aus dem Osten. Einige orthodoxe Juden sind darunter, die, auch wenn sie nie mehr als ein Prozent der Bevölkerung ausmachten, aufgrund ihres Äußeren für Befremdung sorgten und den schon lange brodelnden Antisemitismus eruptiv zum Vorschein brachten.

Dupont und sein Autor Paul Reno lassen den Film gut enden, mit der Versöhnung von Vater und Sohn, von Gesetz Gottes und der Pflicht des Herzens. Ohne Schläfenlocken, aber mit dem Gebetbuch unterm Hemd gibt Baruch den Hamlet, heiratet seine Jugendliebe Esther und bleibt der Herzogin freundschaftlich verbunden. Ein utopisches Ende. Dupont selbst musste 1933 aufgrund seiner jüdischen Herkunft nach Hollywood fliehen.

Mit der aktuellen Restaurierung wird die verschollene deutsche Premierenfassung in ihrer ursprünglichen Länge und in einer zeitgenössischen Einfärbung erstmals wieder zugänglich (auch als  DVD erhältlich). Der renommierte Filmkomponist Philippe Schoeller (*1957; Foto links) schrieb neue Musik dazu. 

Schoeller studierte Musikwissenschaften und Philosophie, war Schüler von Boulez, Lachenmann und Messiaen und vertonte u.a. J’accuse von Abel Gance neu. Schoellers Musik für Das Alte Gesetz lässt sich als flächig, mäandernd, abstrakt beschreiben. Sie erzählt einen Klangfilm im Film, illustriert kaum, Klezmer ist nur an einer Stelle zu erahnen. Vom Filmrhythmus beeinflusst, vom Schnitt aber weitgehend unbeeindruckt, lässt sie dem Interpreten mehr Freiheit als sonst im Stummfilm üblich. Es ist eine psychologische Partitur, inspiriert von den ausdrucksstarken, tiefgründigen Filmbildern der Gesichter. Es ist auch eine Musikerzählung, die von Einsamkeit, Trauer und Verlust kündet – wie ein leises Echo vom Untergang der jüdischen Welt, wie sie im Alten Gesetz gezeigt wird. 

... und am 29. März im Warschauer Museum der Geschichte der polnischen Juden. (Foto: OJM)

Ihr wollt noch mehr Infos, vielleicht auch den ein oder anderen Klang der neuen Filmmusik hören? Dann seien euch folgende Radiofeatures ans Herz gelegt: Der  BR schaute im Vorfeld der Berliner Uraufführung vorbei und berichtete aus den Proben; der Deutschlandfunk legte den Schwerpunkt auf unsere Osteuropatournee.  

Seid mit dabei, das dürft ihr nicht verpassen! Wir freuen uns auf ein Wiedersehen mit euch am 12. April in den Münchner Kammerspielen!

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