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Flimmerkammer #3: Das neue Babylon - jung, exzentrisch, revolutionär

Und auf geht's zur Flimmerkammer #3 am Mittwoch, 7. März in den Münchner Kammerspielen! Dieses Mal präsentiert das OJM unter der Leitung von Daniel Grossmann den Revolutionsfilm Das neue Babylon des sowjetischen Regieduos Leonid Trauberg und Grigori Kosinzew, die auch das Drehbuch geschrieben haben und Mitglieder der avantgardistischen Künstlerbewegung FEKS waren - eine Abkürzung für den programmatischen Namen Fabrik des exzentrischen Schauspielers. 

Auch der junge Dmitri Schostakowitsch war Teil dieser Bewegung, die ihren Blick und ihr Kunstschaffen ganz in Richtung Moderne wendet, weg von der bürgerlichen Einfühlungsästhetik und des Naturalismus:

„Gestern: Salons, Verbeugungen, Barone. Heute: Zeitungsverkäufergeschrei, Skandale, Polizeiknüppel, Lärm, Schrei, Scharren, Zeitrhythmus“, ist im Manifest des exzentrischen Schauspielers, verfasst von Trauberg und Kosinzew, zu lesen.

Dementsprechend neu, ungewohnt und unerhört erschien dem damaligen Uraufführungspublikum die Musik des 19-jährigen Schostakowitsch, der neu im Filmkompositionsgewerbe war und mit seinem ersten Auftrag gleich mal russische Filmgeschichte schrieb. Und nicht nur das, 1929 schrieb er auch Folgendes über seine Filmmusik zu Das neue Babylon:

„Beim Komponieren der Musik hielt ich nicht am Prinzip, jedes einzelne Bild zwangsläufig zu illustrieren, fest. Im Wesentlichen ging ich vom Hauptgedanken dieser oder jener Bildfolge aus, zum Beispiel das Ende des 2. Teils: Das Hauptgeschehen, das ist der Angriff auf Paris durch die deutsche Kavallerie. Ein verlassenes Gasthaus beschließt diesen Teil. Tiefe Stille – der Zuschauer sieht die deutsche Kavallerie nicht mehr auf der Leinwand, doch erlebt er ihre entfesselte Gewalt noch in der Musik. Dasselbe gilt für die Musik des 7. Bilds. Der Soldat betritt das Gasthaus voller heiterer Bourgeois, nachdem die Kommune niedergeschlagen worden war. Trotz der Fröhlichkeit, die im Wirtshaus herrscht, geht die Musik von den düsteren Gedanken des Soldaten aus, der seine zum Tode verurteilte Geliebte sucht.

Ich habe viel auf das Prinzip des Gegensatzes gebaut, zum Beispiel: den Soldaten (Versailles orientiert), der seine Geliebte (Kommunardin) auf der Barrikade trifft, packt tiefe Verzweiflung. Die Musik wird zusehends fröhlicher und steigert sich in einen wilden und ‚obszönen‘ Walzer, ein Symbol des Sieges der Versailler über die Kommunarden.

Ein interessantes Vorgehen wird zu Beginn des 4. Teils angewandt. Während einer Operettenprobe erklingen in der Musik Stellen aus einem bekannten Galopp, der in verschiedenen Beziehungen zur Handlung steht. Bald erklingt er fröhlich, bald langweilig, bald schrecklich. Ich habe zahlreiche zeitgenössische Tänze wie auch einige Operettenmelodien verwendet. Im Übrigen habe ich auch auf französische Volks- und Revolutionslieder zurückgegriffen. Die Marseillaise ist das Leitmotiv der Versailler, sie blitzt hie und da in ganz unerwarteten Momenten auf.

In Anbetracht des Umfangs des musikalischen Materials behält die Musik ununterbrochen einen symphonischen Klang. Das grundlegende Ziel der Musik ist, im Tonfall und Rhythmus des Films zu sein und dessen Durchschlagkraft zu verstärken. Ich habe mich bemüht, der Musik, die neuartig und ungewohnt ist (besonders in Anbetracht der Filmmusik, die wir bis heute hatten), eine Dynamik zu geben und das Pathetische von Das neue Babylon einzuflechten.“

Vielleicht erklären diese Ausführungen ein wenig, warum das Premierenpublikum Überlieferungen zufolge dem Dirigenten Betrunkenheit attestierten. Mal sehen, wie die Musik im Zusammenspiel mit dem Film heute wirkt - zu erleben am Mittwoch, 7. März auf der großen Bühne in den Münchner Kammerspielen! 

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