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OJM-EXPEDITION #3: Józef Koffler – Polens Pionier der Dodekaphonie


Am Donnerstag,  1. Februar um 19 Uhr sind wir bereits zum dritten Mal im NS-Dokumentationszentrum mit unseren OJM-EXPEDITIONEN zu Gast und stellen Komponisten ins Rampenlicht, für deren Schaffen der Holocaust eine Zäsur bedeutete und in deren Folge ihnen Bekanntheit und ein breites Publikum verwehrt blieben. 

Dieses Mal heben wir einen wahren Schatz versunkener polnischer Avantgarde: Józef Koffler, der Schönberg-Schüler, der Schönberg selbst nie begegnet ist.

Das persönliche Schicksal und das kompositorische Erbe des jüdisch-polnischen Komponisten Józef Koffler ist exemplarisch für das tragische und weitreichende Ausmaß der Vernichtung an europäischer Musikkultur durch die Nazis. Selbst in der polnischen Musikgeschichte – von der europäischen kaum zu reden – findet er mit nur wenigen bis keinem Wort Erwähnung. Nach dem Krieg sind nur wenige, immer fragmentarische Angaben zu seiner Biographie zu finden. Ein ebenso unvollständiges Bild gibt die Wissenschaft von seiner kompositorischen Entwicklung, da infolge des Krieges ein bedeutender Teil seiner Werke vernichtet, der andere, erhalten gebliebene Teil in alle Winde verstreut worden ist. Hinzukommt, dass einige seiner Handschriften zwar überliefert, aber nicht herausgegeben sind und dass die zwischen den Kriegen erschienenen Werke nicht wiederveröffentlicht wurden. Erst heutzutage wird Koffler, der polnische Pionier auf dem Gebiet der Dodekaphonie, allmählich von den Musikwissenschaftlern seines Landes wiederentdeckt und erforscht.


Józef Koffler wurde am 28. November 1896 in Stryj (östl. Polen, jetzt Ukrainische Republik) in eine begüterte jüdische Kaufmannsfamilie geboren. Als Gymnasiast erhielt er privaten Unterricht in Klavier und Musiktheorie; von 1914 bis 1924 studierte er mit Unterbrechungen – 1916 wurde er zum österreichischen Militär eingezogen, von 1918 bis 1920 diente er als Freiwilliger im polnischen Heer – an der Wiener Universität: Harmonielehre, Kontrapunkt, Formen und Instrumentation bei Hermann Grädener und Josef Bohuslav Foerster; Dirigieren bei Felix Weingartner und Joseph Kaiser sowie Musikwissenschaft bei Guido Adler. 1923 beendete er seine Dissertation Über orchestrale Koloristik in den symphonischen Werken von Mendelssohn Bartholdy. Seine Einflüsse zur Studienzeit waren also eher konservativer Art, der Neuen Wiener Schule um Arnold Schönberg gehörte er nicht an.

Nach der Rückkehr 1924 in seine Heimat, ins damals unabhängige Polen, genauer gesagt nach Lemberg, begann seine produktivste Phase, die bis zum Beginn des Krieges dauern sollte: Nach einigen Jahren der Lehre am Konservatorium der Polnischen Gesellschaft für Musik, wurde er 1928 der Leiter des ersten Lehrstuhles in Polen für atonale Harmonielehre und Komposition. Er engagierte sich aktiv in der neu gegründeten Abteilung der Polnischen Gesellschaft für Neue Musik, im Komponistenverband Warschau sowie im Verband der Musikpädagogen. Als musikalischer Kritiker kämpfte er u.a. für die Reform des Musikschulwesens und trat für zeitgenössische Komponisten und deren Schaffen ein. In dieser Zeit eignete er sich Schönbergs Zwölftonmethode an; ohne ihm je begegnet zu sein nannte Koffler Schönberg infolge seinen „Lehrer“. Während seine polnischen Komponisten-Kollegen eher dem Szymanowsky-Stil verpflichtet waren, setzte Koffler wohl am konsequentesten die Schönberg-Prinzipien in seinen Werken um – was ihm zwar große Beachtung im westeuropäischen Ausland einbrachte – er war als Repräsentant der polnischen Neuen Musik auf Festivals der IGNM vertreten, erhielt Auszeichnungen und war mit westeuropäischen Verlegern verbunden –, aber zu Hause eher für verachtende Isolation sorgte und bei ihm zu Resignation führte. Diese Außenseiterposition im Musikbetrieb des eigenen Landes erklärt vielleicht, warum Koffler nach der Besatzung Polens durch die UdSSR 1939 verantwortliche Positionen im Komponistenverband der sowjetischen Ukraine annahm.

Ungeklärt sind die genauen Umstände seines Todes, wovon widersprüchliche Überlieferungen existieren. Nachdem Lemberg von den Deutschen 1941 eingenommen worden war, versteckte sich Koffler nahe Krakau. Dann verliert sich seine Spur. 1944, kurz vor Kriegsende, wird er zusammen mit seiner Familie, seiner Frau und seinem Sohn, von der Gestapo ermordet.




Victória Real (Foto: Adrienne Meister)                     OJM-Musiker: S. Galgoczi, C. Walterspiel, A. Zeke, S. Molchanova

Daniel Grossmann, unser künstlerischer Leiter und Dirigent, wird am Donnerstag, 1. Februar im NS-Dokumentationszentrum wie gewohnt lebendig und anschaulich aus dem Leben dieses musikalischen Visionärs erzählen. Wiederbelebt werden von den OJM-Musikern Sàndor Galgoczi, Charlotte Walterspiel, Aniko Zeke, Sofija Molchanova sowie von der jungen Mezzosopranistin Victória Real zwei von Kofflers Werken:

Es stehen auf dem Programm das 1928 entstandene Streichtrio Nr. 10 für Violine, Viola und Violoncello sowie die Kantate Die Liebe für Singstimme, Klarinette, Viola und Violoncello, mit einem Text nach dem 1. Korintherbrief des Heiligen Paulus. Entstanden ist dieser Hymnus an die Liebe wohl ihm Zusammenhang mit Kofflers Hochzeit. In der Zeitschrift „Orkestra“ formuliert er aber im Zusammenhang mit dieser Komposition ein viel größeres Anliegen: “Unser Ziel ist idealistisch. Wir leben in einer Zeit, in der viele Menschen meinen, es sei natürlich und vielleicht sogar notwendig, den Idealismus zu verachten, ihn zu ignorieren, lächerlich zu machen und zu verdammen. Es ist eine traurige, aber wahre Tatsache: der Großteil unserer Generation ist in seiner Mentalität und seinen Zielen absolut materialistisch, weltlich-gestimmt. Das ist die ernsteste Krankheit unserer Zeit.”

Kommt vorbei und geht mit uns auf Entdeckungstour - wir freuen uns auf euch!

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